· 

"Wenn ihr tot seid, bin ich nicht Schuld!"

Die Warnung ist deutlich: "Die Tiere sind lebensgefährlich. Besonders vor den Müttern mit Kälbern müsst ihr euch vorsehen. Die können euch zerquetschen, aufspießen und tottrampeln."

Eigentlich sehen die Rinder im Naturschutzgebiet Hellinghauser Mersch ganz harmlos aus: Imposant, wesentlich größer als die Durchschnittskuh auf der Weide, mit kolossalen Hörnern - aber augenscheinlich ganz friedlich. Aber Matthias Scharf von der ABU Soest hat jahrzehntelange Erfahrungen - manche durchaus schmerzhaft - mit den Rindern, deren Nachkommen irgendwann einmal wie echte Auerochsen aussehen sollen.

Mit dem Pferde-Fachmann Marc Lubetzki bin ich unterwegs in der Gegend um Lippstadt: Das sonnige Wetter mit dem stahlblauen Himmel und prächtigen Sonnenauf- und -untergängen hat uns hierher geführt, und wir hoffen auf einige urzeitlich aussehende Bilder.

Nachdem die Pferde einige Stunden lang an mehr oder derselben Stelle gegrast haben, machen sie sich langsam auf den Weg zu einer Stelle am Lippeufer, an der sie regelmäßig trinken. Die Rinder folgen ihren. Wir begleiten sie in gebührendem Abstand.

Unser Equipment - zwei Kameras mit Teleobjektiven und Stativen, eine motorisierte Kamera-Schiene, dazu noch eine weitere Kamera für Zeitraffer, plus eigenem Stativ - wird schwer auf dem langen Marsch über den dünn vereisten, matschigen Boden, in den wir mit unseren Gummistiefeln immer wieder einsinken.

Plötzlich ändern die Rinder ihr Verhalten: Sie bleiben stehen, und starren zu uns herüber, als hätten sie uns gerade erst entdeckt. Einige bauen sich mit leicht nach vorn verlagertem Schwerpunkt vor uns auf, als wären sie jederzeit bereit zum Angriff. Aus ihren Nüstern dampft es.

"Ich sage das jetzt noch einmal unter Zeugen", erinnere ich mich an die eindringlichen Worten von Matthias Scharf, "wenn ihr tot seid, bin ich nicht Schuld!"

Marc und ich wollen den Rückzug antreten, aber der ist uns versperrt: Hinter uns dehnt sich ein Wassergraben, so dass wir zu einem Rückzug mit Riesen-Umweg gezwungen sind.

Die Rinder bewegen sich jetzt energisch vorwärts, so als würden sie uns verfolgen.

Doch der Eindruck täuscht: Die Rinder wollten nichts anderes, als am Wassergraben trinken, aber wir hatten ihnen den Weg versperrt. Die Rinder hatten also genauso viel Respekt vor uns wie wir vor ihnen.

Aber das heißt nicht, dass wir in Zukunft nicht mehr auf die Rinder aufpassen müssen: Wenn man sieht, wie die manchmal mit ihren Hördern die Pferde verscheuchen, wird klar: Die Warnungen von Matthias Scharf sind nicht übertrieben.